Ich habe so eine gewissen „Loslassen-Allergie“ entwickelt.
Seit Jahren wird zunehmend zum „Loslassen“ geraten.
Für alles und jedes scheint das ultimative Rezept zu sein: „Laß doch mal los.“
Abgesehen davon, dass ein Mensch nur das loslassen kann, was er mal bewusst festgehalten hat, und Loslassen häufig auch mit „Fallenlassen“, Loswerden“, “garnicht erst in die Hand nehmen” verwechselt wird, geht es in den meisten Fällen nicht um das Loslassen. Byron Katie sagte: “Du kannst nichts loslassen! Du kannst Deine Gedanken überprüfen und dann lassen sie Dich los.” So herum geht es dann – wir werden losgelassen!
Dennoch gibt es da noch eine ganz andere Dimension.
Ich habe viele Jahre lang sterbende Menschen begleitet und eine sehr alte Dame erzählte mir eine wundervolle Geschichte aus ihrer Kindheit: Sie war in Ostpreußen geboren auf einem großen Bauernhof. Die Wasserversorgung des Bauernhofes geschah durch einen Brunnen. Einmal im Jahr musste dieser Brunnen gereinigt werden und dazu wurde immer das jüngste Kind der Familie in einem Eimer hinuntergelassen in den Brunnen. Da war es dunkel. Da war es eng und es war nass. Die Kinder waren klein; denn sie mussten ja in diesen Eimer reinpassen. Und dann hatten sie die Aufgabe, nachdem die Erwachsenen vorher, den Brunnen so leer wie möglich geschöpft hatten, dort unten das restliche Wasser in den Eimer zu schöpfen. Ganz alleine. Licht kam nur durch die über ihnen liegende Brunnenöffnung. Der Eimer wurde voll hinaufgezogen – würde er wieder runterkommen?
Das ganze Vertrauen war gefragt, um dort unten in diesem Brunnen alleine zurückzubleiben und auf den zurückkehrenden Eimer zu warten.
Irgendwann war nur noch der Grund trockenzulegen, der aus hellem Sand bestand. „Und wissen Sie,“ sagte die alte Dame, meine Hand streichelnd, „ das war immer der schönste Augenblick, da auf dem hellen Sand zu hocken, das letzte Wasser mit einer alten Kaffeetasse wegzuschöpfen und dann zu sehen, wie durch den Sand neues, klares Wasser quoll. Diese Erfahrung hat mich durch zwei Weltkriege und mein ganzes Leben getragen.“
Mich selbst hat diese Geschichte seit ich sie von meiner Patientin gehört habe, auch durch mein Leben getragen. Ich erkenne in dieser Geschichte, dass es nicht um „Loslassen“ geht, sondern darum durch die Einsamkeit, die Dunkelheit vertrauensvoll hindurch zu gehen, um dann zu erleben wie das Neue sich Raum nimmt.
ES geschieht – wie das Tao lehrt
… was auch immer in meinem Leben gerade JETZT dran ist zu geschehen.
Ich wünsche Ihnen bewusstes Vertrauen – gerade auch dann, wenn es dunkel und eng ist in Ihrem Leben.


